Zum Inhalt springen

Insights

KI für Entscheider | Teil 4: Was Sie für KI halten, ist meistens gar keine KI

ChatGPT ist ein Bürogebäude, in dem das Sprachmodell nur ein einziger Mitarbeiter ist. Wer das versteht, stellt Anbietern die richtigen drei Fragen und merkt, dass die wichtigen Entscheidungen nicht beim Modell liegen.

Dawid SochackiVeröffentlicht am Aktualisiert am 7 Min Lesezeit
KI für Entscheider | Teil 4: Was Sie für KI halten, ist meistens gar keine KI

Das Sprachmodell hinter ChatGPT ist zustandslos: Es hat kein Gedächtnis, keine Uhr, keinen Internetzugang und keinen Taschenrechner. Fast alles, was Sie an ChatGPT beeindruckt, leistet klassische Software um das Modell herum, und genau deshalb ist „KI im Unternehmen einführen" eine Engineering-Aufgabe und keine Lizenzfrage.

Was Entscheider aus ChatGPT schließen, und warum das schiefgeht

Fragen Sie ChatGPT, wie spät es in Tokio ist, bekommen Sie eine korrekte Antwort. Laden Sie eine Excel-Tabelle hoch, wird sie ausgewertet. Erinnert sich die Anwendung an Ihre bevorzugte Sprache, fühlt sich das fast persönlich an. Die naheliegende Schlussfolgerung: „Die KI weiß, was Zeit ist, sie rechnet, sie merkt sich Dinge, sie sucht im Internet."

Diese Schlussfolgerung ist falsch. Sie ist der Grund, warum viele KI-Strategien im Mittelstand auf einem Missverständnis stehen. Wer versteht, was ein Sprachmodell wirklich ist, versteht auch, warum Sie „die KI" nicht kaufen können und wo die eigentlichen Entscheidungen liegen.

Die Analogie: der Neuralyzer aus „Men in Black"

In den „Men in Black"-Filmen tragen die Agenten ein Gerät namens Neuralyzer. Hat ein Zivilist etwas gesehen, das er nicht sehen sollte: ein heller Blitz, und die Erinnerung der letzten Minuten ist weg. Die Person steht da und beginnt bei null.

Genau das passiert mit einem Sprachmodell nach jeder einzelnen Frage. Sie fragen, das Modell antwortet, Blitz. Die nächste Frage beginnt bei null. Das Modell weiß nicht, dass Sie vorhin schon mit ihm gesprochen haben. Es weiß nicht, wer Sie sind.

„Aber im Gespräch erinnert es sich doch an meine vorherige Frage", werden Sie einwenden. Hier liegt die Pointe: Das Modell erinnert sich nicht. Die Software um das Modell herum hängt Ihre bisherigen Nachrichten bei jeder neuen Frage wieder mit an. Das Modell liest die gesamte bisherige Unterhaltung jedes Mal neu, reagiert, und dann kommt der Blitz. Das ist kein Gedächtnis. Das ist eine Liste, die mitgereicht wird.

Ein Sprachmodell ist im Kern eine mathematische Funktion: Text rein, Text raus. Kein Vorher, kein Nachher, kein Speicher, keine Uhr.

Die zweite Analogie: ChatGPT ist ein Bürogebäude

Wenn das Modell so begrenzt ist, warum wirkt ChatGPT dann so mächtig? Weil ChatGPT nicht „die KI" ist. ChatGPT ist ein Bürogebäude, in dem das Sprachmodell ein einziger Mitarbeiter ist.

Sie betreten das Gebäude und fragen am Empfang nach der Uhrzeit in Tokio. Der Empfang schaut auf keine eigene Uhr. Er ruft im Rechercheraum an, dort wird die Zeitzone nachgeschlagen. Mit dem Ergebnis geht er zum Sprachexperten, einem brillanten Kollegen, der jede Auskunft in jedem Tonfall formulieren kann, und bittet ihn um eine Antwort. Der Sprachexperte schreibt einen freundlichen Satz mit der Uhrzeit. Sie denken: Was für ein kluger Sprachexperte, der kennt sogar die Uhrzeit in Tokio. Er kannte sie nicht. Der Rechercheraum hat sie ihm zugeflüstert.

So arbeitet ChatGPT. Das Sprachmodell ist der Sprachexperte, brillant in Sprache, an Mustern geschult, zustandslos. Die Memory-Funktion ist die Aktenablage, eine gewöhnliche Datenbank. Die Websuche ist der Rechercheraum, eine Suchmaschine wird aufgerufen. Der Code-Interpreter ist die Werkstatt, ein Python-Programm wird gestartet. Die Uhrzeit ist eine Abfrage an das Betriebssystem. Der Gesprächsverlauf ist der Notizblock des Empfangs, der bei jeder Frage neu vorgelesen wird.

Als Nutzer glauben Sie, ein Mitarbeiter mache alles. Tatsächlich arbeiten viele Abteilungen zusammen, und das Modell ist nur eine davon. Das meiste von dem, was Sie an ChatGPT beeindruckt, ist Software drumherum.

Warum dieser Unterschied geschäftskritisch ist

Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Detail. Hauptsache, das Ergebnis stimmt. Für eine Entscheidung über Budget und Anbieter macht es aber einen großen Unterschied.

Sie können „die KI" nicht einfach kaufen. Wenn Sie sich „so etwas wie ChatGPT" für Ihr Unternehmen wünschen, reicht es nicht, ein Modell zu lizenzieren. Sie brauchen das ganze Gebäude: die Datenbank, die Ihre Daten kennt, die Schnittstellen zu Ihren Systemen, die Logik, die Ihre Prozesse abbildet.

„KI lernt durch Nutzung" ist ein Mythos. Wenn das Modell nach jeder Anfrage neuralisiert wird, kann es nicht lernen, dass Sie ein guter Kunde sind oder wie Ihre Mitarbeiter arbeiten. Alles, was sich nach Lernen anfühlt, ist Software, die Notizen speichert und wieder mitschickt. Warum das auch für das Training gilt, zeigt Teil 5 dieser Serie.

Sie haben eine echte Wahl. Das Sprachmodell kann von OpenAI, Anthropic, Mistral oder aus der Open-Source-Welt kommen. Das Gebäude drumherum bauen Sie, mit Ihrer Architektur, Ihren Regeln, Ihren Daten. Wer „wir nutzen ChatGPT" für eine KI-Strategie hält, hat sich an eine fertige Lösung gebunden, ohne zu merken, dass die spannenden Entscheidungen woanders liegen.

Drei Missverständnisse, die sich jetzt auflösen

„Die KI weiß sogar, dass ich gestern hier war." Nein. Die Memory-Funktion ist eine Notiz, die bei jeder Anfrage mitgegeben wird. Öffnen Sie einen neuen Chat ohne diese Funktion, und das Modell ist wieder ein Fremder.

„Die KI hat im Internet recherchiert." Nein. Die Software hat eine Suchmaschine bedient und dem Modell die Treffer vorgelegt. Das Modell selbst kennt nur seine Trainingsdaten, Stand des Trainings, oft Monate oder Jahre alt.

„Die KI hat gerechnet." Bei einfachen Aufgaben vielleicht, aber unzuverlässig. Bei allem Anspruchsvolleren hat ChatGPT ein Programm gestartet und das Ergebnis zurückbekommen. Gerechnet hat ein Computer, nicht das Modell.

KI im Mittelstand konkret umsetzen: vier Konsequenzen

„KI im Unternehmen" ist ein Softwareprojekt, kein Lizenzkauf. Sie bauen die Software, die ein Modell mit Ihren Daten und Prozessen verbindet. Das ist Engineering, und genau das meint Applied AI: KI als Baustein in echte Geschäftsprozesse einbauen.

Sie wählen das Modell aus. Amerikanische, europäische und offene Modelle stehen zur Verfügung, je nach Anforderung an Datenschutz, Kosten und Spezialisierung. Sie können sie auch kombinieren. Wer KI mit ChatGPT gleichsetzt, verschenkt diese Freiheit.

Das Drumherum ist Ihr Wettbewerbsvorteil. Die Modelle selbst sind austauschbar geworden. Der Vorsprung entsteht in der Verbindung mit Ihren Daten, in Ihren Prozessen, in der Qualitätssicherung. Das kann niemand fertig für Sie kaufen.

Datenschutz wird eine klärbare Frage. Ist das Modell nur ein Baustein, können Sie es bei einem europäischen Anbieter betreiben, während das Drumherum bei Ihnen liegt. Das ist die Logik hinter DSGVO-konformer KI auf souveräner Infrastruktur.

Drei Fragen, mit denen Sie Anbieter testen

„Welches Modell setzen Sie ein, und warum dieses?" Wer „wir nutzen ChatGPT" antwortet, ohne Anwendung und Modell zu unterscheiden, hat den Unterschied nicht verstanden. Wer erklärt, warum für diese Aufgabe dieses Modell und für jene ein anderes, weiß, was er tut.

„Wo werden die Daten verarbeitet, und wer kann darauf zugreifen?" Lautet die Antwort „beim Modellanbieter in den USA" und Sie wollen personenbezogene Daten verarbeiten, ist das eine kritische Frage. Lautet sie „auf europäischer Infrastruktur, mit einem Modell, das wir auch selbst betreiben können", ist das eine andere Liga.

„Was passiert, wenn der Modellanbieter seine Preise verdoppelt oder den Dienst einstellt?" „Dann haben wir ein Problem" heißt Lock-in. „Wir tauschen das Modell aus, weil die Software modular gebaut ist" heißt Engineering.

Wie dataso KI als Baustein einsetzt

Wir bauen keine „KI-Lösungen", sondern Software, in der ein Sprachmodell ein Baustein ist: der zustandslose, aber hochkompetente Mitarbeiter im Bürogebäude. Wir wählen das Modell je nach Aufgabe, betreiben die Anwendung auf europäischer Infrastruktur und halten das Modell austauschbar. Wenn morgen ein besseres verfügbar ist oder ein Anbieter seine Bedingungen ändert, läuft Ihre Anwendung weiter.

Stellen Sie die drei Fragen oben Ihrem aktuellen Anbieter oder Ihrem eigenen Team, und notieren Sie die Antworten. Wenn Sie danach wissen wollen, wie ein Bürogebäude für Ihren konkreten Anwendungsfall aussieht, bringen Sie die Antworten in den Potenzial-Check: eine halbe Stunde, kostenlos, und wenn Ihr Fall kein Softwareprojekt braucht, sagen wir Ihnen auch das. Potenzial-Check buchen

  • Geschäftsführung im Mittelstand

Mehr zum Thema