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Leitplanken für KI-Agenten: empfehlen ja, entscheiden nein

Was der Bau eines Handelsleitstands über KI-Agenten lehrt: Das Modell empfiehlt, der Code entscheidet, und jede Nicht-Handlung wird protokolliert.

Dawid SochackiVeröffentlicht am 7 Min Lesezeit
Video zum ArtikelLeitplanken für KI-Agenten: empfehlen ja, entscheiden nein · 4:24

Ein KI-Agent darf empfehlen. Entscheiden und ausführen sollte er nur innerhalb von Leitplanken, die im Code stehen und nicht im Prompt. Wie viel es in der Praxis bedeutet, habe ich erst beim Bau eines Handelsleitstands verstanden, in dem ein Sprachmodell über echte Orders mitredet.

Eigenes Experiment. derWeisserSchwan ist ein Projekt, das ich von März bis Mai 2026 gebaut und danach archiviert habe⁠1. Es geht nicht um Trading-Ergebnisse, sondern um die Architektur. Die Screenshots der Web-Anwendung stammen aus einer lokalen Instanz mit Demodaten. Der Screenshot des MetaTrader-Terminals ist echt, Konto und Broker sind unkenntlich gemacht.

Warum ausgerechnet ein Handelssystem

Ein Handelssystem ist das drastischste Beispiel für die Frage, wie viel Entscheidung man einem KI-Agenten gibt. Jeder versteht sofort, was passiert, wenn die Leitplanke fehlt: Eine falsche Order kostet Geld, und zwar in Sekunden. In einer Kanzlei oder einem Produktionsbetrieb ist der Schaden langsamer, folgt aber demselben Muster. Ein Modell schlägt etwas vor, und irgendwo wird aus dem Vorschlag eine Handlung.

Das System verdichtet Finanz-Newsletter aus einem Postfach, Stimmung aus einem Chat-Kanal und eine Websuche nach Breaking News zu einer Tagesrichtung für drei Instrumente: NASDAQ, Gold und Bitcoin⁠1. Ein eigener Expert Advisor im MetaTrader 5 setzt die Orders um. Das Sprachmodell ist Google Gemini⁠1.

Die Rollen: Richtung ja, Order nie

Die wichtigste Entscheidung fiel vor der ersten Zeile Code. Das Sprachmodell liefert eine Richtung je Instrument, einen Score von −10 bis +10 mit Begründung und Konfidenz⁠1. Es darf den Handel bremsen, etwa wenn die Stimmung im Chat kippt. Eine Order auslösen darf es nie⁠1.

Einstieg, Stop und Ziel folgen festen Regeln im Terminal. Das Modell sagt „heute eher kaufen“, die Regeln sagen, ob, wann und wie viel. Nur an dieser Stelle bleibt ein Fehler des Modells begrenzt, egal wie überzeugend seine Begründung klingt.

Detailansicht einer KI-Analyse mit Richtung, Konfidenz und Begründung je Instrument (Demodaten)

Ein Detail hat mich dabei überrascht: Die Chat-Stimmung darf die Tagesrichtung nur befristet dämpfen, mit einer Hysterese und automatischem Ablauf⁠1. Aus Chat-Text entsteht nie ein Einstieg. Das Äußerste, was die Chat-Stimmung auslösen kann, ist, dass eine bereits laufende Runner-Position früher geschlossen wird⁠1.

Ganz sauber ist die Trennung im Code allerdings nicht, und das gehört zur Ehrlichkeit dieses Experiments. Meldet die Websuche einen Schock, darf das Modell die Richtung eines Instruments sofort drehen, und der Expert Advisor setzt den Risikofaktor für diese Richtung auf das 1,5-Fache, bei einer als kritisch eingestuften Meldung auf das Doppelte⁠1. Die Order löst weiterhin der Code nach seinen Regeln aus. An dieser Stelle gibt das Modell aber mehr vor als eine Bremse. Heute würde ich sie anders bauen: Ein Schock darf das Risiko senken oder den Handel anhalten, eine Erhöhung braucht die Freigabe eines Menschen.

Die OWASP-Liste der Risiken für LLM-Anwendungen führt genau das als eigenen Punkt: „Excessive Agency“, also zu viel Handlungsspielraum für ein Modell⁠2. Die Gegenmaßnahme dort ist dieselbe. Rechte eng fassen und die Wirkung einer Handlung außerhalb des Modells prüfen.

Die Anbindung an MetaTrader 5: wo die Orders wirklich entstehen

Echte Orders laufen über einen eigenen Expert Advisor im MetaTrader-5-Terminal, die DWS_Bridge in Version 2.35, geschrieben in MQL5⁠1. Die Web-Anwendung hat keinen Zugriff auf das Terminal. Die Verbindung geht immer vom Terminal aus: Es fragt alle 15 Sekunden nach neuen Befehlen, meldet alle 8 Sekunden die offenen Positionen, bestätigt jeden abgeholten Befehl einzeln und schickt nach jedem geschlossenen Trade Einstieg, Ausstieg, ursprünglichen Stop und den größten zwischenzeitlichen Gewinn und Verlust zurück⁠1. MetaTrader erlaubt solche Aufrufe nur an eine freigegebene Adresse, dazu kommt ein gemeinsamer Schlüssel.

Einen Einstieg löst der Expert Advisor nach festen Regeln selbst aus. Zu jeder geschlossenen Fünf-Minuten-Kerze prüft er, ob die Tagesrichtung aus der Web-Anwendung für dieses Instrument auf Kauf oder Verkauf steht und ob der Risikofaktor größer null ist. Nur dann kommen die technischen Bedingungen: ein RSI-Signal über 14 Perioden als Auslöser, der Trend aus den gleitenden Durchschnitten über 50 und 200 Perioden und der Abstand zum volumengewichteten Durchschnittspreis des Tages⁠1. Passt alles, platziert er die Orders, und zwar mit Stop Loss und Take Profit direkt in der Order beim Broker⁠1.

Aus der Web-Anwendung kommen nur Zustände und wenige feste Befehle: Richtung und Risikofaktor je Instrument, ein Wiedereinstieg nach einem Stop, der erst nach Preisbestätigung ausgelöst wird, das vorzeitige Schließen einer Runner-Position und die Notbremse⁠1. Jeder dieser Befehle entsteht in Code, der die Antwort des Modells nur als eine Eingabe unter mehreren liest.

MetaTrader 5 mit der DWS_Bridge 2.35: Eingaben des Expert Advisors und das Experten-Log der HTTP-Bridge, aufgenommen nach der Archivierung, als das Backend bereits abgeschaltet war (Konto und Broker unkenntlich)

Nach der Archivierung fragt die Bridge weiter im Takt nach Befehlen und bekommt keine Antwort mehr. Für genau diesen Zustand sind die festen Stops beim Broker da.

Leitplanken für KI-Agenten gehören in den Code

Eine Leitplanke im Prompt ist eine Bitte. Eine Leitplanke im Code ist eine Grenze. Im Leitstand stecken vier davon, und keine hängt davon ab, dass das Modell sich an eine Anweisung hält.

Befehle mit Quittung. Der Expert Advisor holt Befehle aus einer Warteschlange ab und bestätigt jeden einzelnen (Pull und Ack)⁠1. Die Web-Anwendung schiebt nichts ins Terminal. Kommt keine Quittung, gilt der Befehl als nicht ausgeführt, und das ist sichtbar.

Kill-Switch. Ein Schalter im Leitstand blockiert neue Einstiege sofort, daneben stehen „alle Positionen schließen“ und ein Reset der Tagesrichtung⁠1.

Feste Stops beim Broker. Jede offene Position trägt Stop Loss und Take Profit direkt beim Broker⁠1. Fällt die Verbindung zwischen Anwendung und Terminal aus, laufen die Positionen regelkonform weiter, statt auf die nächste Anweisung zu warten.

Ein Protokoll für jeden Befehl. Jeder Befehl an das Terminal wird mit Zeitpunkt, Inhalt und Quittung festgehalten⁠1.

Befehlsprotokoll mit quittierten Befehlen an das Terminal (Demodaten)

Der wichtigste Log ist der, warum nichts passiert ist

Das Protokoll der ausgeführten Befehle hätte ich in jedem Fall gebaut. Der eigentliche Gewinn kam von einer anderen Tabelle: Alle fünf Minuten hält das System fest, warum es gerade handelt oder warum nicht⁠1. Richtung zu schwach, außerhalb der Handelszeit, Kill-Switch aktiv, Konfidenz unter der Schwelle.

Entscheidungs-Snapshots je Instrument mit Begründung, warum gerade nicht gehandelt wird (Demodaten)

Diese Snapshots beantworten die erste Frage nach jedem Vorfall, ohne Rekonstruktion aus Logdateien. Ein Agent, der nichts tut, sieht von außen genauso aus wie ein Agent, der kaputt ist. Erst der „warum nicht“-Eintrag unterscheidet die beiden.

Die EU-KI-Verordnung (Verordnung (EU) 2024/1689) verlangt für Hochrisiko-Systeme beides, was hier entstanden ist: automatische Aufzeichnungen über den Betrieb (Artikel 12) und eine wirksame menschliche Aufsicht, die ein System auch anhalten kann (Artikel 14)⁠3. Ein Leitstand für den Eigengebrauch fällt nicht darunter, die Anforderungen passen trotzdem genau.

Einstellungen mit Handelszeiten, Risiko- und Konfidenzschwellen (Demodaten)

Was sich auf andere KI-Agenten übertragen lässt

Die Fragen dahinter stellen sich bei jedem KI-Agenten, der mehr tut als Text zu schreiben: dem Assistenten, der Mandantenanfragen vorsortiert, oder dem Agenten, der Bestellungen anlegt.

Aus dem Experiment nehme ich vier Regeln mit:

  • Trennen Sie Empfehlung und Ausführung. Das Modell liefert einen Vorschlag mit Begründung. Die Ausführung liegt in Code, der die Regeln kennt und das Modell nicht braucht.
  • Geben Sie dem Modell eine Bremse, kein Gaspedal. Ein Agent darf Abläufe anhalten oder zur Prüfung vorlegen. Neue Handlungen auslösen oder Risiken erhöhen darf er nur in klar begrenzten Fällen, und die Schock-Ausnahme in meinem System ist die Stelle, die ich als Erstes zurückbauen würde.
  • Protokollieren Sie auch das Nicht-Handeln. Ohne „warum nicht“ ist jede Untätigkeit ein Rätsel und jede Fehlersuche eine Rekonstruktion.
  • Bauen Sie den Notaus zuerst. Nachrüsten ist schwerer, weil dann schon Abläufe daran hängen.

Wie ein solches Protokoll im Detail aussieht, beschreibt der Beitrag zu den Säulen eines KI-Audit-Trails, warum die Durchsetzung technisch sein muss, der Beitrag KI-Governance braucht technische Durchsetzung.

Wo die Grenze in Ihrem Prozess liegt

Die Frage ist fast nie, ob ein Sprachmodell gut genug ist. Sie lautet, an welcher Stelle Ihres Ablaufs aus einem Vorschlag eine Handlung wird und wer diese Stelle kontrolliert. Wenn Sie einen KI-Agenten planen oder schon einen im Einsatz haben, gehen wir diese Stelle gemeinsam durch: Potenzial-Check buchen. Wir schauen auf Ihren konkreten Ablauf, nicht auf ein Schaubild.

Quellen

  1. Eigenes Experiment derWeisserSchwan, Projektdokumentation und Code (März bis Mai 2026, archiviert)
  2. OWASP Top 10 for LLM Applications 2025, LLM06: Excessive Agency
  3. Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung), Art. 12 und Art. 14
  • Geschäftsführung im Mittelstand

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